Darijana Hahn, Kulturwissenschaftlerin, Hamburg---->Verkehrszeichen

Verkehrszeichen

Verkehrszeichen sind noch viel mehr als Zeichen für den Verkehr. Sie sind eine Art Universalsprache, die auf der ganzen Welt verständlich ist. So ist das achteckige Stop-Zeichen ein interkulturelles Symbol, das in orientalischen wie in westlichen, in unterentwickelten wie in modernen Gesellschaften gleichermaßen zu Hause ist. Zum Einsatz kommen die Verkehrszeichen aber nicht nur im Verkehr. Vor allem die Werbung bedient sich gerne den alltäglichen Symbolen (siehe auch Ortsschilder).

Über Beginn und Werdegang der Verkehrszeichen informiert der Artikel im "Schwarzwälder Bote" vom 19. Juni 2007:

Stehen - Laufen: Schilder sagen uns, was zu tun ist

Rund, drei-, vier- und achteckig verkünden sie uns allgegenwärtig irgendeine Botschaft: was wir dürfen, was wir nicht dürfen, was wir sollen – die Straßenverkehrszeichen, die längst nicht mehr nur an Straßen anzutreffen sind.

 

Der Inhalt könnte nicht unterschiedlicher sein, die Form ist immer dieselbe: mal wird für Osterhasen geworben, mal für einen sensationellen Preisrabatt; auf dem Spülmittel wird gemahnt, es außerhalb der Reichweite von Kindern zu bewahren, und das Antivirenprogramm im Computer informiert darüber, dass der letzte Virenschutz länger als drei Tage her ist: in allen vier Beispielen ist es das rote Dreieck, das bildhaft zu einem spricht: Achtung! Jeder scheint es zu verstehen – auch die, die nicht im Rahmen der Fahrprüfung die 648 in Deutschland geltenden Straßenverkehrszeichen gebüffelt haben. Was ursprünglich lediglich den Verkehr regeln sollte, hat sich längst zu einer Art Universalsprache entwickelt, die größtenteils international gültig ist.

 

Ihre Existenz verdankt sie dem Verkehr, der durch die Erfindung des Automobils eine ungeahnte Entwicklung sprichwörtlich erfahren hat. Am Anfang war es so wie mit den meisten technischen Neuheiten: nur ein paar wenige konnten ein Auto ihr eigen nennen und kein Mensch konnte sich vorstellen, dass das Automobil eines Tages ein Alltagsgegenstand werden würde – genauso wenig wie später das Telefon oder gar der Computer. Entsprechend belustigt bis argwöhnisch wurden die Automobilisten beäugt, die Autos bekamen solch bezeichnende Namen wie „Töff-Töff“, „Stinkdroschke“ oder „Hastkutsche“.  Die Automobilisten ihrerseits boten sich gegenseitig Halt in den Automobil-Clubs, die sie für den Austausch untereinander gegründet hatten. Schon früh machte man sich dabei Gedanken, wie man sich beim Fahren vor Gefahren schützen könnte. So setzte sich der Kaiserliche Automobilclub vor hundert Jahren, am 24. Mai 1907, erfolgreich bei der preußischen Regierung dafür ein, dass in ganz Deutschland „zur Kennzeichnung besonders gefährlicher Stellen“ Warnungstafeln angebracht wurden – „im Interesse der Sicherheit des Verkehrs und zur möglichsten Verhinderung von Unglücksfällen“. Die Tafeln waren rechteckig, schwarz mit weißen, entsprechenden Zeichen für u.a.  gefährliche Linkskurve, Straßenkreuzung oder Vertiefungen im Straßenkörper. Auf jeder Tafel stand „Kaiserlicher Automobil-Club“ sowie der Name des Stifters.

 

Wie wenig verbreitet und ungewohnt das Automobil zu jener Zeit noch war, geht aus der Ministerialverfügung hervor, in der die Behörden die Land- und Stadtkreise ausdrücklich bitten mussten, die Aufstellung der Warnungstafeln überhaupt zu gestatten – das Autofahren schien nur eine Sache von ein paar wenigen reichen Anarchisten, die sich sowieso an keine Regeln hielten, Pferde und Menschen gleichermaßen erschreckten und wenn nötig einfach davon brausten. Nicht zuletzt ein Grund für die Einführung der Kfz-Kennzeichen vor 101 Jahren, um die Davonfahrenden schließlich doch für den Schaden heranziehen zu können. Während 1906 gerade mal 10 000 ein Auto ihr eigen nennen konnten, waren es 1927 bereits eine viertel Million (heute sind in Deutschland 46 Millionen Wagen zugelassen.) 1927 war das Jahr, als am 8. Juli viele unserer heute noch geltenden Straßenverkehrszeichen eingeführt wurden: das Dreieck als Warnungssignal sowie der rote Kreis als Verbotszeichen.

Dieser einheitlichen Aufstellung in ganz Deutschland vorausgegangen waren etliche Verhandlungen und internationale Konferenzen, bei denen über die geeignete Form diskutiert wurde. Bis dahin gab es allerlei Kuriositäten: Schilder, bei denen halbe Kanzleiauszüge zu lesen waren, Stop-Zeichen als beleuchtete Totenköpfe oder das Bild einer Schnecke für „Langsam fahren“. Der Sonderschuss des Völkerbundes machte schließlich auf seiner Sitzung im April 1927 dem Durcheinander ein Ende, und im Juli verkündeten die Zeitungen: „Die neuen Kraftwagen-Verkehrszeichen“. Sie lösten die bis dahin gültigen schwarz-weißen Tafeln ab und wurden nicht nur in ganz Deutschland, sondern auch in anderen Ländern eingeführt.

 

Auf die zunächst insgesamt 16 Zeichen folgten im Lauf der Jahre immer mehr, mittlerweile sind es nach Angaben des ADAC 648 nummerierte Einzelzeichen, die bis zu 1800 Kombinationen ergeben können. Im Lauf der Zeit haben sie auch ihr Aussehen verändert, die abgebildeten Menschen sowie die abgebildeten Fahrzeuge auf den Zeichen sind sozusagen mit der Zeit gegangen. Zwar gibt es immer noch das Schild, das vor einem Bahnübergang warnt und eine rauchende Dampflokomotive zeigt, hergestellt wird es aber gewiss nicht mehr. Das eigentliche Zeichen ist eine moderne „schnittige“ Lok. Wie auch die Fußgänger keinen Hut mehr tragen und die Kinder keine Zöpfe. Nach und nach werden diese „individuell“ gestalteten, mit kleinen Details versehenen Zeichen ersetzt durch schlanke, neutrale Piktogramme, bei denen der Kopf keine Nase mehr und der Bauarbeiter keine Schiebermütze mehr hat. Eine Veränderung, die bei den Verkehrszeichen niemand zu stören scheint. Nur beim ostdeutschen Ampelmännchen fiel der Unterschied zwischen menschlich-anheimelnder Figur im Osten und kühlem Strichmännchen im Westen deutlich auf und rief zahlreiche Verteidiger auf den Plan, die sich für den Erhalt der Ampelmännchen  – mit Hut und Nase – einsetzten. Für den Berliner Designer Markus Heckmann Existenzgrundlage, der von der Vermarktung des ostdeutschen Ampelmännchens lebt. Doch nicht nur die sind als Dekoration beliebt. Auch die regulären Verkehrszeichen finden ihren Absatz fern ab des  Straßenverkehrs. Neben solchen begehrten, den Duft der weiten Welt verbreiteten Zeichen wie dem australischen Känguru-Schild oder dem schwedischen „Achtung-Elch“-Dreieck, sind individuell gestaltete Verkehrszeichen begehrte Geschenke. „Vor allem die runden Schilder zum Geburtstag oder die Warndreiecke mit einzigartigem Inhalt“, wie Dietmar Hunger vom Nummernschildmuseum in Chemnitz erzählt, das sich unter anderem durch solchen Schilderverkauf finanziert. Individuelle Schildkreationen finden sich wie gesagt auch in der Werbung, wo die Standardzeichen je nach Botschaft variiert werden.

 

Für den Hamburger Diplomingenieur für Medientechnik, Ingolf Sauer, liegen die Gründe für die Beliebtheit der Zeichen bei Grafikern auf der Hand: „Da die verständlichen, internationalen Zeichen allgemein so bekannt sind, fällt eine Abwandlung oder Veränderung sofort auf. Diese wird bemerkt und bringt die gewünschte Aufmerksamkeit.“ Was auch der Geschäftsführer der Werbeagentur Jung von Matt, Arno Lindemann, bestätigt: „Das sind gelernte Zeichen, die man schnell abrufen kann.“ Wiewohl er aber einen leichten Überdruss zum Ausdruck bringt, wenn er sagt: „Wir sind jetzt damit durch.“ Weg von den Verkehrszeichen wollen auch zahlreiche Verkehrsexperten, deren Wunsch es ist, den Schilderwald doch endlich zu lichten. „Ein Drittel unserer Schilder ist vollkommen überflüssig“, sagt Thomas Hessling vom ADAC und fügt kritisch hinzu: „Wenn man bedenkt, dass ein Schild zwischen 200 und 300 Euro kostet, da könnte man mit diesem enormen Volksvermögen, was auf Deutschlands Straßen steht, lieber Schlaglöcher zumachen.“ Sein Credo lautet: „Eine gute Straße erklärt sich von selbst.“ Dass nach Rodung des Schilderwaldes nicht das Verkehrschaos ausbricht, sondern sogar Unfälle reduziert werden, beweisen die rund 150 Städte, die diesem Beispiel bislang gefolgt sind.

 

 

Wenn auch viele der Zeichen überflüssig sein mögen, so haben sie doch einen unübersehbaren Anteil an der Entwicklung einer universalen Bildsprache geleistet, die neben den Verkehrszeichen auch aus allerlei Piktogrammen besteht – man denke nur an das weiße springende Männchen auf grünem Grund als Zeichen für Ausgang. Entsprechend wird diese Universalsprache  gewürdigt, wie zum Beispiel in der vor kurzem gezeigten Ausstellung im Stuttgarter Kunstverein  „Piktogramme – Die Einsamkeit der Zeichen“. Und sie hat mittlerweile auch ihr eigenes „Wörterbuch“: In dem Bildband „1000 Signs“ lernt man nicht nur, wie das „Stop“ auf den weltweit einheitlichen „Stop“-Schildern in arabischer oder hebräischer Schrift  geschrieben wird; man wird darüber hinaus im Schnelldurchgang mit so mancher landestypischen Besonderheit vertraut. So selbstverständlich bei uns der springende Hirsch vor eventuellem Wildwechsel warnt, taucht in dem Achtungsdreieck  in Tunesien das Kamel auf oder in Botswana der Elefant. Während bei uns Fahrradwege mit weißem Fahrrad auf blauem Kreis gekennzeichnet werden, sind es in Malaysia Wege für Eselskarren, auf die ein fast identisches Schild hinweist. Interessant sind auch die unzähligen internationalen und nationalen Verbote in den weißen, rotumrandeten Kreisen. Was ursprünglich lediglich „Durchfahrt verboten“ hieß, ist heute Verhaltenskontrolle, die allerlei untersagt: so zum Beispiel zu skaten, Feuer zu machen, Rauchen sowieso, zu sprechen, um nicht zu sagen: auf keinen Fall zu fluchen (so zu sehen in Australien).

Ob auf der Straße oder auf der Skipiste, ob in China oder Bagdad: das Stop-Schild versteht jeder!

 

Diese vielfältigen Botschaften in den immer gleich aussehenden Zeichen sind eindrücklicher Beweis für die Aussage des Pioniers der Bildsprache, des Wieners Otto Neurath, der 1936 die bisherigen Erfolge zusammenfasste: „Wir haben eine internationale Bildersprache hergestellt, in die man Aussagen aus allen normalen Sprachen der Erde umsetzen kann.“

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