Darijana Hahn, Kulturwissenschaftlerin, Hamburg---->Kiosk

Der Kiosk

Wer heute das Wörtchen „Kiosk“ hört, denkt wohl automatisch an einen kleinen Laden, in dem es Zeitungen, Süßigkeiten und Zigaretten gibt. Dabei bedeutet Kiosk noch viel mehr als eine (Presse-)Verkaufsstelle. Der Kiosk ist sozusagen ein Botschafter aus dem Orient, der über die europäischen Adelsparks Einzug in die Großstädte der ganzen Welt gehalten hat. In der Geschichte des Kioskes verschmelzen Orient und Okzident, Architektur- und Mediengeschichte, Adel und der „Kleine Bürger“. Dieser Vielfalt der Bedeutungen hab ich Rechnung getragen durch eine Vielfalt der Beschäftigungen mit dem Thema.

 

Siehe:

 

"Hochburg der Kioske"

"Vom orientalischen Erfrischungshaus zum Foto-Terminal"

"Süße Orte" 

 "Kioskwelten"

Willi Villa - ein Kiosk der Kulturen

Bezirk killt Kioskkultur



Im Folgenden ein Artikel aus „Geschichte“ Heft 12/2003:

 

Aus dem Orient in die City

Wenn Zeitschriften und Zeitungen auf sich aufmerksam machen, werben sie gerne mit den drei Worten: „Jetzt am Kiosk !“ Kommt eine neue Zeitschrift auf den Markt, heißt es: „Konkurrenz am Kiosk.“ Und der Titel für einen Bericht über Papierherstellung für Zeitschriften lautet: „Marmor für den Kiosk.“ Kurzum, der Kiosk ist das Synonym für den Medienverkaufsort schlechthin.

Dabei ist der Kiosk nur eine neben zahlreichen anderen Absatzmöglichkeiten für die Presse. Und er ist vor allem noch viel mehr als ein Zeitschriftenverkaufsstand. Wirtschaftlich gesehen ist es ein so genannter Convenience-Shop, der eine Art Tante-Emma-Laden-Funktion im Kiez erfüllt. Architektonisch kann man von einem „Triumph der kleinen Form“ sprechen. Und historisch ist der Kiosk ein Zeugnis sowohl des Austausches zwischen Orient und Okzident als auch zwischen Adel und Bürgertum. Denn der Kiosk hat seine Wurzeln in der islamischen Kultur, wo das Wort ein pavillonartiges Gebäude beschreibt. Als die Türken vor den Toren Wiens standen, wurden sie zwar von den Wienern verdrängt, der Kiosk aber – als leicht auf- und abbaubarer Ort für Erfrischungen - wurde von den Wienern mitsamt dem Wort übernommen und fand schnell Eingang ins restliche Europa. Dort bereicherte er zunächst in den adligen Landschaftsgärten die zahlreichen Staffagebauten, die weniger Funktions- als vielmehr Stimmungsträger sein sollten.

Einer der ersten Zeitungskioske in Berlin

Mit der Industrialisierung schließlich rückte der Kiosk aus der beschaulichen Kulisse des Adels in den Trubel der Großstadt und bekam nun die Funktion eines Verkaufshäuschen. Während ein deutsches Lexikon den Kiosk im Jahre 1870 noch ausschließlich als „zeltartigen Gartenbau“ aufführte - „rund oder viereckig auf Säulen ruhend, vorn offen, oder mit Gitterwerk geschlossen“ -, trägt der Brockhaus 1894 der neuen Entwicklung Rechnung, indem er zum Gartenbau hinzufügt: „Jetzt versteht man meist unter Kiosk leichte, aus Holz oder Eisen und Glas errichtete Bauten in den Straßen der Großstädte, die zum Verkauf von Zeitungen, Erfrischungen, Cigarren u. dergl. dienen.“  Kiosk bedeutete zunächst erst mal das Häuschen, das sowohl vom aufstrebenden Pressemarkt als willkommene Verteilerstelle benutzt als auch von der Mäßigkeitsbewegung entdeckt wurde, um von dort anti-alkoholische Getränke auszuschenken. Das erstere nannte sich dem Gebäudetyp entsprechend Zeitungskiosk und das letztere bekam den Namen Trinkhalle oder Wasserbude. Nachdem in Berlin 1859 die erste Trinkhalle aufgestellt worden war – entworfen von Martin Gropius -, dauerte es nicht lange, bis alle großen Städte Trinkhallen aufweisen konnten. So wie eine Trinkhalle für eine Stadt schier unerlässlich wurde, war auch der Zeitungskiosk ein Zeichen für eine moderne, prosperierende Großstadt. In diesem Sinne argumentiert der Unternehmer Georg Stilke in einem Konzessionsantrag an die Stadt Hamburg im Jahre 1905: „Ich erlaube mir den ergebenen Hinweis, daß derartige Kioske bereits in anderen Städten, wie z.B. Paris, Kopenhagen, St.Petersburg, etc. auch demnächst in Leipzig, bestehen und daß meiner Firma vor kurzem die Aufstellung von vorerst 15 Kiosken auf den Straßen und Plätzen der Stadt Berlin bewilligt worden ist.“ Die Kioske sollten die fliegenden Buchhändler ersetzen, die die Druckerzeugnisse in Korbständern vor sich hertrugen. Und sie sollten nach Stilkes Vorstellungen „für bequeme Erfüllung der Verkehrsbedürfnisse der durchreisenden sowie der einheimischen Bevölkerung Sorge tragen und gleichzeitig der Polizei die Möglichkeit in die Hand geben, den Zeitschriftenhandel in geordnete Bahnen zu lenken, in gefälliger Form zu kleiden und den Vertrieb der seichten Literatur einzudämmen“.

Artikelausschnitt "Geschichte" 12/03

Als Stilkes eigens 1904 gegründete Deutsche Kiosk-Gesellschaft 1909 mit der Trinkhallen-Gesellschaft fusionierte, waren die beiden Funktionsvarianten nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Die Geschichte der Trinkhalle erklärt jedoch, warum es heute Gegenden gibt, die wahre Kioskhochburgen sind, wie beispielsweise das Ruhrgebiet, Flensburg oder der Süden Hamburgs. Alle drei Orte waren geprägt von der Industrie, in der die vielen Arbeiter vom Alkoholgenuss abgehalten werden sollten. Was als „Kurort des kleinen Mannes“ anfing, entwickelte sich im Lauf der Zeit zur „Tante Emma“, bei der – und nun kommt wieder die Trinkhalle zum Tragen – auch noch abends um elf und Sonntagmorgens um neun die Schachtel Zigaretten – auch einzeln-, die Neue Revue oder ne Dose Ravioli gekauft werden kann. Denn die Trinkhallen werden anders konzessioniert als die üblichen Einzelhandelsgeschäfte. 

Während Kioske auf Bahnhöfen durch ihr gut sortiertes, internationales Presseangebot den Duft der weiten Welt verbreiten, wohnt den Kiosken im näheren Umfeld der Geschmack der Heimat inne. Denn im Gegensatz zur Globalisierungstendenz sind Kioske im Wohnumfeld individuelle Nischenbesetzer, die meist von Stammkundschaft leben. Mitunter weil die Kioske Kleinstbetriebe sind, in keinem Verband organisiert und nicht selten in Gebäuden untergebracht, die der Abrissbirne zum Opfer fallen sollen, werden sie von der Fachwelt kaum wahrgenommen.  

Erst 1997 erschien eine eigene Publikation über den Kiosk, als „beiläufigem Ort“. Dem dünnen Heftchen, bezeichnenderweise erschienen in der Reihe „Archive des Alltags“, folgt das 2003 herausgebene, 240Seiten dicke Buch von der Berliner Soziologin Elisabeth Naumann. Ihre umfassende und einmalige Kulturgeschichte des Kiosks nennt sie: „Entdeckungen an einem alltäglichen Ort. Vom Lustpavillon zum kleinen Konsumtempel“. Weder „beiläufig“ noch „alltäglich“ ist hingegen ein Kiosk, der die Entwicklungsgeschichte genau umgekehrt gegangen ist: der Maurische Kiosk im Park des Schlosses Linderhof. Von dem Berliner Baumeister Karl von Diebitsch für die Weltausstellung in Paris 1867 entworfen, war es nicht nur eine Neuheit, dass ein Gartenmöbel zum Verkauf stand, sondern dass es auch aus industriellen Fertigteilen gebaut worden war. Nachdem er kurze Zeit in bürgerlichen Händen war, wurde er schließlich von König Ludwig II. erworben und im Park von Linderhof aufgestellt. Damit gelangte er zurück zu den Wurzeln des Kiosks, der aus den adligen Gärten heraus in die Städte zog. Doch die kontemplative Ruhe des Maurischen Kiosks währte nicht allzu lange. Er dürfte wohl heute - zumindest am Tage - einer der meist besuchtesten Kioske Deutschlands sein.

 

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