Der Kinderspielplatz
Ein Kinderspielplatz ist ein Platz für Kinder zum Spielen. Was nach gerade zu platter Erklärung klingt, wird aber nach und nach komplizierter, wenn man sich überlegt, was eigentlich "Spielen" bedeutet. Je nach Auffassung ist dann ein Spielplatz ein Platz mit ausgewiesenen Spielgeräten oder eben ein Platz, an dem gespielt wird.
Was ein Kinderspielplatz warum ist - damit beschäftigt sich unter anderem meine Doktorarbeit. Darüber hinaus geht es darin um die Frage, was der Besuch des Kinderspielplatzes eigentlich für die Erwachsenen bedeutet. Gehen sie gerne dort hin, weil es ein netter Treffpunkt ist oder empfinden sie den Spielplatz eher als "Intrigantenstadl", an dem beobachtet, verglichen und gelästert wird?
Über letzteres hab ich in der österreichischen Zeitschrift "bob" (3/2006) einen Artikel veröffentlicht:
Zwischen Laufsteg und Spießrutenlauf
Scharenweise Kinderwägen, auf den Schaukeln jauchzende Kinder, und ratschende Mütter auf den Bänken. Von weitem wirkt die Kinderspielplatzwelt wie eine geschlossene Gesellschaft auf abgesondertem, meist umzäuntem Terrain. Was darin vorgeht, bleibt denen verborgen, die keine Eintrittskarte Kind mit sich führen. Jedoch mutet das Leben und Treiben auf einem Kinderspielplatz von außen meist recht idyllisch an. Kein Wunder also, dass dem Spielplatz auch der Ruf vorauseilt, ein äußerst kommunikativer Ort und hervorragender Treffpunkt zu sein. „Es ist nirgendwo einfacher, andere Eltern kennen zu lernen als auf dem Kinderspielplatz“, so der Berliner Arbeitskreis Neue Erziehung in einem Elternbrief.
Mutterland
Fest steht, der Besuch des Kinderspielplatzes ist bei weitem keine ausschließliche Angelegenheit der Kinder. Sie werden von den Erwachsenen, in den meisten Fällen von den Müttern, dorthin begleitet. Der Spielplatzbesuch mit Kindern gehört – zumindest in den Großstädten – zum festen Ritual des Mutterdaseins. Eine in München durchgeführte Studie über Kinderspielplätze aus Sicht der Mütter (Väter) weiß dazu: „Der Spielplatzbesuch ist für die meisten Mütter zu einem festen Bestandteil in der Tagesplanung geworden. Sie besuchen den Platz regelmäßig mehrmals in der Woche vor allem nachmittags an Werktagen und dies fast während des ganzen Jahres.“ Da sich auf einem Spielplatz – mit Ausnahme der Kinder und einiger hierher versprengter Väter und Großmütter – nur Mütter aufhalten, kann man getrost festhalten: Am Spielplatz verortet sich die Mutterschaft. Nirgendwo sonst im öffentlichen Raum begegnet eine Mutter ihresgleichen in so geballter und ausschließlicher Form.
Vielfach positiv dargestellt als neue Form der Frauenöffentlichkeit, wird der Spielplatz ebenso häufig als äußerst problematisch erlebt. Zeitungskolumnen mutieren dann zu Stoßseufzern über das nicht gerade harmonisch empfundene Spielplatzerlebnis. Fragt der Autor der Brigitte-Kolumne Der Schippendieb noch vorsichtig, warum dieser Ort eigentlich Spielplatz heiße und nicht viel treffender Vorhölle, ist die Spielplatzbeschreibung in der Welt gleich mit Erwachsenenhölle betitelt.
Es sind vor allem zwei Aspekte, die einem den Spielplatz zur Hölle werden lassen: zum einen ist da die Abgrenzung zu den anderen Müttern – die zu übereifrig, zu pädagogisch oder zu nachlässig seien –, und zum anderen ist es die Unlust, mit dem Kind auf dem Spielplatz spielen zu müssen. Über beides wird nicht gern geredet. Zu groß ist die Gefahr, dass das an der Oberfläche glatte Bild der guten Mutter Kratzer erleidet. Bei all den Diskussionen um Mutterschaft und Muttersein bleibt eines meist selbstverständlich: Eine Frau, die sich für ein Kind entscheidet, muss erstens alles gut und richtig machen und zweitens dabei im Mutterglück schwelgen.
Gleichzeitig existieren aber keine wirklich positiv besetzten Mutterbilder. Werdende Mütter haben oft Schwierigkeiten, sich mit der Rolle zu identifizieren und drücken das gerne auf plastische Art aus: „Ich wollte Kinder, ohne Mutter zu werden.“ Oder: „Mutter sein ist prima. Nur Muttchen will ich nicht sein.“
[...]
Bekehrte Eltern?
Was heute so selbstverständlich wie Kindergarten- und Schulbesuch scheint, war Anfang des 20. Jahrhunderts noch weit davon entfernt, das Normalste auf der Welt zu sein. Hans Dragehjelm, dänischer Sozialpolitiker, verfasst 1909 eine Spielplatzstudie und gelangt darin zum Schluss: „Wenn es gelingen könnte, die Eltern und das große Publikum zu einer so gesunden und doch so einfachen und selbstverständlichen Anschauung zu bekehren, so würden die Sandspielplätze einer aussichtsreichen und gesicherten Zukunft entgegensehen. Dieses Ziel muss aber erreicht werden!“
Könnte er die heutigen Spielplätze sehen, er wäre äußerst zufrieden: Scharenweise Kinderwägen, jauchzende Kinder auf den Schaukeln und ratschende Mütter auf den Bänken ...
Siehe meine im Shaker-Verlag erschienene Doktorarbeit


